Dominik Drutschmann

Gewinnen kann ja jeder

Dominik Drutschmann

Gewinnen kann ja jeder

 Dominik Drutschmann

Gewinnen kann​

ja jeder

Als Fußballtrainer von San Marino weiß man, dass es nichts zu gewinnen gibt. Wie hält man das aus? Sehr gut, wenn man die Weisheit von Giampaolo Mazza hat, der den Zwergstaat in Italien 15 Jahre lang trainiert und nicht ein einziges Mal gewonnen hat. Ein Gespräch über das Loslassen.


Dummy: Signor Mazza, sind Sie ein humorvoller Mensch?
Mazza: Ja, das würde ich sagen. Ich mache gern Späße, auch in der Kabine mit meinen Spielern. Warum fragen Sie?

In 15 Jahren als Fußballnationaltrainer von San Marino haben Sie von 76 Pflichtspielen 75 verloren. Wieviel Humor braucht man, wenn man ständig verliert?
Nicht so viel. Zumindest nicht, wenn man seinen Stellenwert richtig einschätzt. Wir sind eine kleine Nationalmannschaft und gehen nicht davon aus, jedes Spiel zu gewinnen.
Relativ früh in Ihrer Trainerkarriere gelang Ihrem Team ein 1:1 gegen Lettland in der Qualifikation zur WM 2002.

Hatten Sie gehofft, dass es einfacher werden würde?
Jede Mannschaft und jeder Trainer der Welt hat die Hoffnung, Spiele zu gewinnen. Und bis zum Schluss war ein Traum von mir, in einem Pflichtspiel als Sieger vom Platz zu gehen. Doch es bleibt dabei: Wenn wir gegen sehr starke Nationalmannschaften spielen, ist es fast unmöglich, dass wir gewinnen. So sind die Gesetzte des Fußballs. Aber eine minimale Chance bleibt. Und damit auch die Hoffnung.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Unentschieden gegen Lettland?
In der gesamten Geschichte unserer Nationalmannschaft haben wir in Pflichtspielen nur zwei Mal Unentschieden gespielt: 1992 in einem Heimspiel gegen die Türkei – aber da war ich noch nicht Trainer. Und das 1:1 gegen Lettland in Riga 2001. Wenn die Erfolge so rar sind, gewinnen sie an Bedeutung. Das gilt für die Spieler, für mich und für das gesamte Team. Es sind Ergebnisse für die Geschichtsbücher. Ich erinnere mich zumindest, dass wir auch in Riga nach dem Spiel sehr viel gefeiert haben.

Vor den Spielen haben Sie häufig gesagt: „Wir werden sicher verlieren.“ Inwieweit gewöhnt man sich daran?
Es ist tatsächlich zu einer Gewohnheit geworden, auch wenn das von uns nie gewollt war. Die Ergebnisse sprechen eben eine deutliche Sprache. Für meine Spieler ist es schwierig, jedes Mal geschlagen vom Feld zu gehen. Gleichzeitig ist es eine Ehre, überhaupt bei den großen Wettkämpfen teilzunehmen. Und der Stolz, dabei zu sein ist größer als das Leid der ständigen Niederlage.

Gibt es gute und schlechte Niederlagen?
Natürlich. Das 0:13 gegen Deutschland 2006 war eine sehr harte Niederlage. Zuhause zweistellig zu verlieren ist bitter. Wenn wir aber nur zwei oder drei Gegentreffer bekommen, freuen wir uns. Wenn wir dazu noch selbst ein Tor schießen sollten, dann ist das für uns großartig.

Welche Niederlage war die schlimmste?
Sicherlich die Niederlage gegen Deutschland, 0:13 und das zuhause. Normalerweise haben wir es bei Heimspielen immer geschafft, wenig Gegentore zu bekommen. Gegen Deutschland hat das nicht geklappt, die haben einfach immer weitergemacht. Grausam. Ich glaube, dass sie sich rächen wollten.

Wofür das denn?
Das Spiel fand nur wenige Wochen nach der WM 2006 statt. Deutschland war gegen Italien im Halbfinale gescheitert. San Marino liegt in der Mitte Italiens. Vielleicht wollten sie sich für die Niederlage bei der WM rächen. Sie waren besonders motiviert. Das war eine der bittersten Niederlagen unserer Nationalmannschaft. Immerhin war es ein Rekord, wenn auch ein negativer.

Gab es eine Niederlage, die sich wie ein Sieg angefühlt hat?
Bei einem Heimspiel haben wir 1:2 gegen Irland verloren. Wir lagen bis fünf Minuten vor dem Ende 0:1 zurück, haben dann tatsächlich noch den Ausgleich geschossen. Wir hätten Unentschieden spielen können. Doch Irland hat noch ein Tor geschossen und wir hatten wieder verloren. Das war die unglaublichste Niederlage unter meiner Leitung. Auch wenn ich mich nicht gerne daran erinnere, war es doch eines der Spiele, bei dem wir einem guten Ergebnis nah gekommen sind. Das Rückspiel nach dem 0:13 gegen Deutschland hat sich auch wie ein kleiner Sieg angefühlt. Wir haben in Nürnberg vor über 40000 Zuschauern gespielt. Zur Halbzeit stand es nur 1:0 für Deutschland. Es gab also Momente, an die ich mich trotz einer Niederlage mit Freude erinnere.

Kann man stilvoll verlieren?
Ja, das geht. Gerade wir können das besonders gut, weil wir es gewohnt sind. Stilvoll zu verlieren bedeutet für mich, trotz eines hohen Rückstands immer fair zu spielen. Wir versuchen so zu zeigen, dass wir auch Fußball spielen wollen, nicht nur zerstören, weil wir nicht mithalten können. Vor einem Jahr haben wir in Wembley gegen England 5:0 verloren. Am Ende des Spieles ist das Publikum aufgestanden und hat uns applaudiert. Weil sie gesehen haben, dass wir für unsere Möglichkeit alles gegeben haben und trotzdem immer fair geblieben sind.
Normalerweise greifen die Mechanismen des Geschäfts und erfolglose Trainer werden entlassen.

Warum ist Ihnen das nicht passiert?
Diese Mechanismen gelten für das Profigeschäft, von dem sich unser Fußball auf allen Ebenen unterscheidet. Vom Verbandspräsidenten bis hin zu unseren Fans wissen alle, dass wir etwa in der Weltmeisterschaftsqualifikation wenig Chancen haben. Die Erwartungshaltung an den Trainer ist nicht so hoch. Er kann in Ruhe arbeiten, selbst wenn er ständig verliert. Der Verband hat mir vertraut und hat auch gesehen, dass sich der Fußball unter meiner Leitung weiterentwickelt hat. Wahrscheinlich hätte ich noch weitermachen können. Aber ich bin zurückgetreten, um einem anderen Trainer Platz zu machen.

Waren Sie vielleicht nur deswegen so lange Trainer, weil sie unbedingt ein Pflichtspiel gewinnen wollten?
Zumindest haben wir jedes Mal gedacht, dass es heute vielleicht endlich so weit sein könnte, dass wir endlich gewinnen. Sicher wäre ein Sieg in einem Pflichtspiel die Krönung meiner Arbeit gewesen.

Zwischen Oktober 2008 und August 2012 hat Ihr Team kein Tor geschossen. Wie motiviert man eine Mannschaft in dieser Zeit? Und wie haben Sie sich selbst motiviert?
Der größte Teil meiner Arbeit bestand aus Psychologie. Wenn Du Spieler nach sehr harten Niederlagen wie gegen Deutschland wieder motivieren willst, ist das nicht einfach. Die Kunst besteht darin, sich die richtigen Ziele zu suchen. Ich konnte schlecht sagen, dass wir das nächste Spiel gewinnen würden oder auch nur Unentschieden spielen. Die Ziele waren auf das, was wir leisten können, abgestimmt. Es war etwa ein Erfolg, wenn wir bis zur Halbzeit kein Gegentor bekamen. Oder gegen Spanien und Deutschland nur mit wenigen Toren Unterschied verloren.

Ihr Team bestand fast ausschließlich aus Amateuren. Was sagt man zu einem Barkeeper, einem Studenten oder einem Olivenzüchter, der gleich gegen Zlatan Ibrahimovic oder Christiano Ronaldo verteidigen muss?
Wenn ein Amateurspieler, der sonst auf Fußballplätzen am Stadtrand spielt, plötzlich in Wembley aufläuft und Wayne Rooney decken muss, dann ist das Motivation genug. Ich habe ihnen Anweisungen gegeben, wie sie gegen Rooney, Raul oder Ibrahimovic spielen sollten. Meist war es meinen Spielern unmöglich, meine Anweisungen umzusetzen. Die Unterschiede waren einfach zu groß.

Wenn ihre Mannschaft dann doch mal ein Tor erzielt hat, war die Freude groß. So wie bei einem Ihrer letzten Spiele gegen Polen. Alessandro della Valle erzielte das Zwischenzeitliche 1:1. Spieler, Trainer und Funktionäre lagen sich in den Armen, Szenen wie bei einem WM-Sieg.
Es war ein glücklicher Moment. Auch wenn Polen am Ende mit 5:1 gewonnen hat. Der Torschütze Alessandro della Valle wurde im Anschluss von einem polnischen Team kontaktiert. Zwar war es keine Mannschaft aus der ersten Liga, aber sie war professionell. Er hat einen Vertrag angeboten bekommen, aber abgelehnt. Alessandro ist Buchhalter in San Marino, ein guter Job. Ich erzähle das nur, um zu zeigen wie wichtig ein Tor für uns sein kann. Gerade wenn es ein Tor gegen eine große Mannschaft wie Polen ist.

Heinrich Mann schrieb: „In der Niederlage zeigt sich die wahre Größe“. Signor Mazza, sind Sie der größte Trainer des Weltfußballs?
Ich würde mich nicht als großen Trainer bezeichnen. Um das sagen zu können, müsste ich eine Mannschaft auf hohem Niveau trainieren. Ich glaube im Sport ist auch die Niederlage ein Moment, den man mit stolz erleben muss. Große Siege entstehen immer aus Niederlagen. In ihr zeigt sich das wahre Gesicht eines Trainers, einer Mannschaft, eines Menschen. Gewinnen ist einfach. Mit der Niederlage zu leben viel schwieriger. Doch jeder Mensch muss lernen, auch damit fertig zu werden. Und solche Niederlagen zu überwinden ist für mich ein Grund, stolz zu sein.

Mitarbeit: Giulia Carobene